Der Flydubai-Vorfall könnte eine der unangenehmsten Fragen der modernen Luftfahrt neu aufwerfen: Was schützt ein Flugzeug, wenn die Bedrohung nicht durch die Sicherheitskontrolle kommt, sondern bereits im Cockpit sitzt?

Nach 9/11 wurde die Sicherheitsarchitektur des Luftverkehrs grundlegend verändert. Stärkere Kontrollen der Passagiere und des Gepäcks. Gürtel und Schuhe ausziehen. Keine Flüssigkeit. Das Cockpit wurde zur Festung: verstärkte Türen, Zugangskontrollen, neue Verfahren gegen Entführungen. Die Logik war klar: Ein gefährlicher Mensch darf nicht ins Cockpit gelangen.

Doch was geschieht, wenn er dort bereits sitzt?

Der flydubai-Flug von Dubai nach Ben Gurion International Airport, Tel Aviv-Yafo hat diese Frage dramatisch aufgeworfen. Nach bisherigen Berichten soll der omanische Copilot den Kapitän angegriffen und versucht haben, die Kontrolle über die Maschine zu übernehmen, um sie gezielt zum Absturz zu bringen. Das Flugzeug verlor innerhalb kürzester Zeit massiv an Höhe. Passagiere und weitere Crewmitglieder griffen ein und verhinderten eine Katastrophe.

Das Problem ist damit größer als die Frage nach einem einzelnen Täter. Denn einen Passagier kontrolliert man beim Betreten des Flughafens. Einen Piloten kann man nicht vor jedem Flug neu nach seiner Ideologie durchsuchen.

Soll künftig vor jedem Abflug der Instagram-Account eines Piloten kontrolliert werden? Seine Likes? Seine Telegram-Gruppen? Seine politischen Äußerungen? Seine Kontakte? Was passiert, wenn ein Pilot heute vollkommen unauffällig ist und sich erst morgen radikalisiert?

Genau diese Frage hat die Luftfahrt bislang kaum beantworten müssen.

Ein Blick auf Germanwings zeigt, wie schwierig das Problem bereits bei einer nicht terroristisch motivierten Tat ist. 2015 flog der Copilot von Germanwings-Flug 4U9525 den Airbus absichtlich in die französischen Alpen. Die BEA stellte fest, dass sich sein Gesundheitszustand zwischen den regelmäßigen flugmedizinischen Untersuchungen erheblich verändert hatte und das bestehende System dies nicht verhindern konnte. Der Copilot verriegelte das Cockpit und ließ niemanden mehr hinein.

Germanwings zeigte: Ein Pilot kann sich zwischen zwei Sicherheitsüberprüfungen verändern. Flydubai könnte nun die noch schwierigere Frage aufwerfen: Was, wenn diese Veränderung eine ideologische Radikalisierung ist?

Die Industrie steht damit vor einem Dilemma. Mehr Überwachung kann Sicherheitslücken schließen – aber eine permanente Überwachung der politischen und privaten Aktivitäten von Piloten wäre weder praktikabel noch mit rechtsstaatlichen Grundsätzen ohne Weiteres vereinbar. Es braucht deshalb klare Kriterien: Welche konkreten Hinweise auf Gewaltbereitschaft oder extremistische Aktivitäten sind sicherheitsrelevant? Wer darf sie prüfen? Und wann muss eine Fluggesellschaft handeln?

Hinzu kommt im aktuellen Fall eine weitere offene Frage.

Israels Verkehrsministerin Miri Regev erklärte, das Luftverkehrsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, dass Piloten auf Israel-Flügen Staatsbürger von Ländern sein müssen, mit denen Israel diplomatische Beziehungen unterhält. Gleichzeitig berichteten israelische und internationale Medien, der Copilot sei omanischer Staatsbürger. Israel unterhält keine diplomatischen Beziehungen zu Oman. Regev verlangte deshalb eine Untersuchung, ob hier die Vereinbarung verletzt wurde.

Auch das muss geklärt werden: Warum durfte ein omanischer Staatsbürger – wenn die Darstellung des Abkommens zutrifft – überhaupt als Pilot auf einem Flug nach Israel eingesetzt werden?

Das ist keine Nebensächlichkeit. Wenn Sicherheitsvereinbarungen für bestimmte Flugrouten existieren, müssen sie überprüfbar und durchsetzbar sein.

Der Flydubai-Fall könnte deshalb eine neue Ära der Luftsicherheit einleiten. Nicht mit noch strengeren Kontrollen der Passagiere, sondern mit einer grundsätzlichen Debatte darüber, wie man sicherdtellt, dass diejenigen, denen man den Zugang zum Cockpit anvertraut, diesen Zugang nicht missbrauchen?

Die Luftfahrt hat nach 9/11 gelernt, den Menschen vor dem Cockpit zu kontrollieren.

Germanwings zeigte, dass die Gefahr auch im Cockpit entstehen kann.

Flydubai stellt nun die nächste Frage: Wie erkennt man einen Piloten, der zum ideologischen Sicherheitsrisiko wird, anstatt sich darauf zu konzentrieren, ob eine Holzfigur in einer jüdischen Siedlung gekauft wurde.

Darauf braucht die internationale Luftfahrt eine Antwort.

Bevor diese von einem Piloten selbst gegeben wird.